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El Niño: Das Wetter spielt verrückt

Ungewöhnlich starke Regenfälle in Verbindung mit Überschwemmungen auf der einen Seite und grosse Dürreperioden, wo sie sonst nur selten auftreten, auf der anderen Seite – das ist die Handschrift von El Niño. Etwa alle vier bis sechs Jahre tritt diese Wetteranomalie auf und bedroht die Rohstoffproduktion weltweit. Betroffen sind vor allem Agrarrohstoffe, aber auch der Energiesektor und die Industriemetalle spüren den Einfluss der klimatischen Veränderung.

Das Wetterphänomen El Niño kommt aus bis jetzt ungeklärten Gründen zustande. Wenn sich der Luftdruck über Südostasien und dem daran angrenzenden westlichen Pazifik erhöht und dieser gleichzeitig im östlichen Pazifik stark abnimmt, ist dies ein erstes Anzeichen für das Phänomen. Was folgt, ist eine Verringerung des Druckgegensatzes über dem Pazifik, was die Passatwinde, die das Oberflächenwasser des Humboldtstroms von Südamerika westwärts nach Indonesien schieben, abflauen lässt (Grafik 1). Dies wiederum führt zu einer wärmeren Meeresoberfläche und zu einem Meeresspiegelanstieg im östlichen Pazifik. Im Westpazifik sinken Meeresspiegel und Wasseroberflächentemperatur.

Grafik 1: Typische Entwicklung eines El Niños im Pazifik
Grafik 1: Typische Entwicklung eines El Niños im Pazifik
Quelle: biophysics.sbg.ac.at, Commerzbank Research

 

Der letzte starke El Niño trat 1997/1998 auf und hat den Rohstoffmärkten das Fürchten gelehrt. Dürren und Überschwemmungen setzten den Agrarrohstoffen stark zu und auch die Minen zum Abbau von Kupfer mussten aufgrund starker Regenfälle und dadurch ausgelöster Erdrutsche ihre Produktion unterbrechen. Wie dramatisch die Auswirkungen von El Niño sein können, wurde in einer von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) veröffentlichten Studie beleuchtet. Demnach beliefen sich die weltweiten Schäden damals auf 34,3 Milliarden US-Dollar und 24.120 Menschen verloren aufgrund von Stürmen, Überschwemmungen, Sturmfluten oder Dürren ihr Leben.

Agrarrohstoffe sind mit Abstand am stärksten von den Auswirkungen eines El Niños betroffen. Da sich die Wetterbedingungen durch die Anomalie stark von den üblich vorherrschenden Bedingungen unterscheiden, nehmen die Ernteerträge in vielen Fällen stark ab. Trockenes Wetter und lang anhaltende Dürren können Angebot und Preise ebenso beeinflussen wie deutlich steigende Niederschläge, extreme Temperaturschwankungen oder Umweltkatastrophen.

Weizen ist einer der Rohstoffe, die von El Niño am stärksten in Mitleidenschaft gezogen werden. Da in Sommer- und Winterweizen unterschieden werden kann, müssen nicht nur die Ernte- und Anbaubedingungen im Sommer beobachtet werden, sondern auch die der Wintermonate. In Australien, wo grösstenteils Winterweizen angebaut wird, sind die Auswirkungen erheblich. Gerade im Winter und Frühling ist der Niederschlag vor allem im Osten des Landes deutlich verringert und schmälert den Ernteertrag damit dramatisch, wobei der Eintrittszeitpunkt des Wetterphänomens entscheidend für das Ergebnis der Ernte ist. Für gewöhnlich gilt, dass die Entwicklung eines El Niños am Frühlingsanfang die Erträge dramatisch schmälert und eine Entwicklung im November oder Dezember förderlich für diese sein kann. Laut der Universität Queensland und dem dort entwickelten Modell zur Bestimmung der Ernteerträge in Australien könnte das diesjährige Wetter einen stark negativen Einfluss in der (Winter-)Weizensaison haben. In den letzten acht El Niño-Jahren reduzierte sich die australische Weizenernte um durchschnittlich 29 Prozent (Grafik 2). Im folgenden Erntejahr normalisierten sich die Erträge wieder. Generell ist ein Ertragsrückgang der Weizenernte von fast 50 Prozent möglich.

Grafik 2: Australische Weizenernte zumeist mit deutlichen Rückgängen in El Niño-Jahren
Grafik 2: Australische Weizenernte zumeist mit deutlichen Rückgängen in El Niño-Jahren
Stand: Dezember 2015; Quelle: USDA, Bloomberg, Commerzbank Research
Prognosen sind kein Indikator für die künftige Entwicklung.

Bei Sojabohnen und Mais hat El Niño eher positive Auswirkungen auf die US-Ernteerträge, solange sich die Anomalie nicht, wie Mitte des Jahres 1988 geschehen, zu La Niña umkehrt. In diesem sogenannten Wechseljahr fiel die Ernte für Mais und Sojabohnen deutlich schwächer aus. Dies ist mit Abstand das schlechteste Szenario für die Erträge von Sojabohnen und Mais. Neben dem Wechsel zwischen El Niño und La Niña wirkt sich ein regenreiches Frühjahr in den globalen Anbaugebieten negativ auf die Erträge aus. Durch den starken Regen verzögert sich die Aussaat und sehr heisse, trockene Sommermonate ziehen die bereits zu spät ausgesäten Pflanzen in Mitleidenschaft. Jedoch bleibt festzuhalten, dass ein durchgängiges El Niño-Phänomen, das sich in der zweiten Jahreshälfte entwickelt, meist positive Auswirkungen auf die Ernten von Sojabohnen und Mais hat, da die Niederschläge nach der Aussaat einsetzen und dadurch das Pflanzenwachstum fördern. So fielen die Erträge in acht von elf El Niño-Jahren besser aus (Grafik 3).

Grafik 3: US-Maisernte profitiert von El Niño, solange kein La Niña folgt
Grafik 3: US-Maisernte profitiert von El Niño, solange kein La Niña folgt
Stand: Dezember 2015; Quelle: USDA, Bloomberg, Commerzbank Research
Prognosen sind kein Indikator für die künftige Entwicklung.

Bei Baumwolle können durch El Niño Niederschläge, Bodenfeuchtigkeit und Temperaturen, die zum Wachstum benötigt werden, beeinflusst werden. Entwickelt sich El Niño und beeinflusst das Wetter während der Wachstumsphase in den US-Baumwollanbaugebieten, können die Erträge dadurch ansteigen. Hier gilt es allerdings zu differenzieren: Im Südosten der USA fallen die Erträge leicht geringer aus, während es in den Südstaaten, wo der Grossteil der Ernte anfällt, tendenziell zu höheren Erträgen kommt. Während die US-Baumwollerträge von El Niño somit per saldo profitieren können, verschlechtert sich das Bild beim zweitgrössten Baumwollproduzenten Indien. Der für die Produktion benötigte Monsun lässt deutlich nach und kann zu einer Verringerung der Erträge führen. Auch in Australien und Teilen von Afrika kommt es zu Dürren. Sollte El Niño die Baumwollproduktion in vollem Umfang treffen, dürfte dies zu einer Abnahme der weltweiten Produktionserträge und einer Verminderung der globalen Lagerbestände führen.

Kaffee und Zucker: Für Brasilien, den wichtigsten Anbauer von Kaffee und das weltgrösste Zuckerexportland, könnte ein Eintreten von El Niño positive Folgen haben. Die wichtigsten Anbaugebiete liegen im Süden und Osten des Landes und profitieren daher von den starken Regenfällen in den Gebieten. Bei Kaffee können die Blüten und die Ausbildung der Früchte durch die verstärkten Regenfälle profitieren. Erste Schätzungen gehen für 2016/2017 von einer deutlich höheren brasilianischen Kaffeeernte aus. Bei Zucker verzögern die Regenfälle allerdings die Verarbeitung. Zudem könnten die Zuckerrohrernten in Thailand und Australien durch Trockenzeiten sowohl negativ als auch positiv beeinflusst werden. Es bleibt daher abzuwarten, welche Erträge am Ende der Erntezeit (Australien: Dezember; Thailand: März) erzielt wurden. Die durch El Niño geringer ausfallenden Niederschläge in der Monsunzeit in Indien könnten hingegen die dortige Zuckerrohrernte beeinträchtigen. Die Auswirkungen von El Niño auf das globale Zuckerangebot sind somit nicht eindeutig. Die Internationale Zuckerorganisation ISO geht in ihrem veröffentlichten Quartalsbericht (November) von einem globalen Defizit von 3,5 Millionen Tonnen aus, was sie unter anderem auf eine geringere Produktion in Indien zurückführt.

Kakao: Die globale Kakaoproduktion reagiert hochempfindlich auf klimatische Veränderungen. Das schliesst sowohl Dauer und Intensität der Sonneneinstrahlung als auch Niederschläge und Bodenfeuchtigkeit mit ein. Durch die teilweise starken klimatischen Veränderungen und die daraus resultierenden Dürren durch El Niño muss laut der Internationalen Kakaoorganisation (ICCO) mit einer abnehmenden Produktion gerechnet werden. Im Durchschnitt geht die Produktion bedingt durch El Niño weltweit um 2,4 Prozent zurück.

Auch die Energierohstoffe reagieren auf unterschiedliche Wetterbedingungen, da diese Auswirkungen auf die Produktionsmengen und auf die Nachfrage haben. Allerdings ist der Einfluss regional beschränkt. Zu den betroffenen Energierohstoffen zählen US-Rohöl und US-Erdgas, denn Teile der Erdgasförderanlagen und der Ölproduktion sind im Golf von Mexiko angesiedelt. Auch wenn deren Bedeutung mit dem Schiefergas- und Schieferölboom etwas geschrumpft ist, kann die Produktion von einer dank El Niño schwächeren Hurrikansaison profitieren. Aufgrund der durch El Niño milderen Wintertemperaturen in den USA geht zudem der Verbrauch von Erdgas zu Heizzwecken zurück. Allerdings besteht nach El Niño das Risiko einer höheren Hurrikanaktivität.

Industriemetalle: Vor der Küste Chiles, dem wichtigsten Kupferproduzenten der Welt, bilden sich durch die Erwärmung der Meeresoberfläche und das damit verbundene Tiefdruckgebiet Wolken und es kommt zu kräftigen Regenfällen. Dadurch kann der Abbau und Transport von Kupfer verzögert bzw. gestört werden. Denkbar sind auch Erdrutsche oder Überschwemmungen, die die Minenproduktion kurzfristig unmöglich machen und die Angebotsseite belasten. Solche Angebotsausfälle können dem Kupferpreis Auftrieb geben. In Indonesien, wo sich mit Grasberg die zweitgrösste Kupfermine der Welt befindet, regnet es dagegen während El Niño für gewöhnlich weniger als üblich. Entsprechend ist hier nicht mit Beeinträchtigungen zu rechnen. Für Nickel, Zinn und Bauxit gilt, dass normalerweise die Produktion in Indonesien, den Philippinen und Malaysia zwischen Dezember und Januar aufgrund starker Regenfälle sinkt. Ein geringer ausfallender Monsun, ausgelöst durch El Niño, kann zu einer höheren Produktion führen als saisonüblich. Denn aufgrund von geringeren Regenfällen sind der Abbau und der Transport der Erze unproblematischer. Das höhere Angebot könnte auf den Preisen lasten.

El Niño 2015/2016 – erhöhte Unsicherheit, aber kein Krisenautomatismus

Wurde im Juni noch von einem mittelstarken El Niño ausgegangen, verdichten sich die Anzeichen, dass das Wetterphänomen deutlich stärker ausfallen könnte als zunächst angenommen. Darauf deutet beispielsweise der Southern Oscillation Index (SOI) hin. Er ist ein statistisch berechnetes Mass, welches allgemein den Luftmassenaustausch zwischen dem Indischen Ozean und dem Pazifik beschreibt. Ebenso gilt der SOI als Indikator für die relative Stärke und Schwäche der Passatwinde über dem Pazifischen Ozean. Dieser SOI-Index verzeichnete bis Oktober einen stetigen Abfall, was in Verbindung mit ungewöhnlich hohen Temperaturen im tropischen Pazifik steht (Grafik 4). Und nachdem er im November kurzzeitig in die neutrale Zone gestiegen war, ist er zuletzt wieder gefallen. Sollte El Niño bis in den Frühling 2016 andauern, könnte dies weltweit Ernten und Produktionen beeinträchtigen. Erste Auswirkungen von El Niño sind bereits jetzt festzustellen. Laut indischen Wetterbehörden lagen die diesjährigen Niederschläge während der Monsunzeit zwischen Juni und September 14 Prozent unter dem Durchschnitt der letzten 50 Jahre.

Grafik 4: Southern Oscillation Index (SOI) signalisiert El Niño

Werte > 8 typisch für La Niña, Werte < 8 typisch für El Niño

Grafik 4: Southern Oscillation Index (SOI) signalisiert El Niño
Stand: Dezember 2015
Quelle: Staatliche Australische Wetterbehörde, Commerzbank Research

Innerhalb der durch Wetterunsicherheiten gekennzeichneten Angebotssituation bei den oben erwähnten Rohstoffen spielen spezielle Wetterphänomene die Rolle eines Verstärkers. Dass dies durchaus Krisen verschärfen oder eine angespannte Situation zu einer Krise ausweiten kann, hat nicht zuletzt die Saison 2010/2011 gezeigt. Der Zusammenhang zwischen El Niño und den Ernteerträgen ist aber nicht eindeutig. Erhöhte Regenfälle können je nach Region und Zeitraum positive Auswirkungen auf die Erträge haben, während sie in anderen Regionen und einige Wochen früher oder später den Wachstumsverlauf der Pflanzen negativ beeinflussen. Wie sich der wiedererstarkende El Niño letztlich auswirken wird, bleibt abzuwarten. Es besteht zumindest die Hoffnung, dass sich bei einem moderaten Verlauf dieses Phänomens über die kommenden Monate die negativen Auswirkungen für die Produktion der Rohstoffsektoren in Grenzen halten werden und es nicht zu einer Wiederholung der Entwicklungen von 1997/1998 kommt. Zudem sind die Lager der meisten Agrarrohstoffe aufgrund von sehr guten Ernten der letzten Jahre gut gefüllt und bilden daher im Falle eines starken El Niño einen Puffer.