Editorial

Eingeholt von der Realität

Liebe Leserinnen und Leser,

die Realität hat uns unsanft eingeholt: Als ich vor einiger Zeit mit einem Kollegen in Frankfurt über »uns junge Banker« sprach, dauerte es nicht lange, bis er die Tatsache ansprach, dass ich in Wirklichkeit ja nicht mehr ganz so jung sei. Das ist die »bittere« Wahrheit. Möglicherweise fühle ich mich deshalb jünger, als ich bin, weil wir im Berufsleben alle paar Jahre mit Ereignissen und Begebenheiten konfrontiert wurden, die wir vorher noch nie erlebt hatten. Und ich hatte gedacht, dass wir mittlerweile schon alles gesehen hätten …

Letztens, anlässlich eines Abendessens mit verschiedenen Vertretern der Schweizer Investmentbranche, stellte ein von mir sehr geschätzter Teilnehmer, der mit Sicherheit schon wesentlich länger am Markt ist als ich, genau diese Frage: »Kann sich irgendjemand am Tisch daran erinnern, jemals eine so dynamische und unübersichtliche Weltlage miterlebt zu haben?« Wir waren uns alle einig, dass wir uns an eine solch komplexe Lage nicht erinnern konnten.

Ganz im Ernst, lassen Sie mich versuchen, einen kurzen Überblick über die letzte Zeit zu geben: der katastrophale und herzzerreissende Konflikt in der Ukraine, der Brexit und all seine Nachwirkungen, die Angst vor der Inflation, die europäische Energiekrise, die vielschichtigen Einflüsse der sozialen Medien, die gigantischen Veränderungen in der Spitzentechnologie, die Rolle Russlands in der Geopolitik und die Tatsache, dass Xi Jinping seine Machtposition in China zunehmend stärker im Griff hat und offenbar noch ausbaut. Ich bin mir sicher, dass ich einige Punkte übersehen habe, aber die Aufzählung ist auch so schon ziemlich umfangreich und beeindruckend und alle Aspekte beeinflussen die Märkte.

Nun ist es immer interessant und auch wichtig, über aktuelle Geschehnisse zu diskutieren. Aber für uns Investoren ist vor allem relevant, dass wir einschätzen können, wo und wie sie sich auf die Märkte auswirken könnten und werden. Welche Effekte hat das eine auf das andere und wie beeinflussen sie die Märkte? Worauf müssen wir ausserdem achten, wenn wir die Entwicklung der globalen und lokalen Ereignisse beobachten? Und genau dies ist der Mehrwert, wenn wir Kommentare von Experten und Expertinnen aus Politikwissenschaften, Ökonomie und Marktforschung hören oder lesen: um die Zusammenhänge und Beziehungen besser zu verstehen. Und genau das ist auch die Idee unseres zweimonatlich erscheinenden Magazins mit dem gleichlautenden Namen: ideas.

Am Ende dieses eher nachdenklichen Editorials habe ich gerade festgestellt, dass dies auch unsere letzte Ausgabe in diesem Jahr ist. Deshalb wünsche ich Ihnen allen trotz aller Widrigkeiten einen besinnlichen Advent, ein frohes Fest, einen angenehmen Jahreswechsel und für das neue Jahr Gesundheit, Glück und Erfolg. Wir hören und lesen im nächsten Jahr wieder voneinander.

Bis dahin verbleibe ich

Ihr Dominique Böhler