Interview

Interview mit Rino Borini, Co-Gründer und CEO der financialmedia AG

Banking muss einfacher und transparenter werden

ideas: »Fintech« ist gerade in aller Munde. Wie sieht Ihre Definition für diesen Begriff aus?
Rino Borini: Einfach ausgedrückt steht Fintech für alles, was mit im Finanzsektor eingesetzten Technologien zu tun hat. Insofern ist der Begriff nichts Neues, Finanztechnologie wird seit 30 bis 40 Jahren verwendet. Allerdings hat sich dieses Wort mittlerweile zu einer Art Slogan für einen Paradigmenwechsel verwandelt. Bisher konzentrierte sich im Finanzsektor vieles auf die Angebotsseite. Fintech sorgt dafür, dass die Kunden und deren Bedürfnisse in den Fokus rücken. Dabei findet ein Umdenken auf sämtlichen Ebenen, sowohl physisch als auch digital, statt.

Was ist die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung?
Hier gibt es verschiedene Faktoren. Eine grosse Rolle spielen die Erfahrungen der Kunden aus anderen Lebensbereichen. Für einen Konsumenten ist es heute völlig normal, online einzukaufen oder ein Flugticket über eine App zu buchen. Derweil stellt es noch immer eine grosse Herausforderung dar, auf Banken-Internetseiten die »echten« Hypothekenkonditionen zu finden – da gehen Sie die Wände hoch. Viele Start-ups im Fintech-Bereich haben die neuen Kundenbedürfnisse im Banking erkannt und die dazu passenden Applikationen, meist mit einer tollen User Experience, entwickelt. Hinzu kommen Technologiegiganten, allen voran Apple, Amazon und Alibaba. Vor denen müssen die Banken wirklich Respekt haben.

Weshalb?
Diese Unternehmen sind im Online-Business gross geworden. Daher wissen sie ganz genau, wie die Kundenkonzentriertheit funktioniert. Darüber hinaus bringen die grossen Player zwei weitere Stärken mit: Sie haben jede Menge Cash und eine enorme Kundenbasis. Folgerichtig ist eine Reihe von Technologiekonzernen dabei, die Finanzwelt langsam anzugreifen. Sie dringen dabei in die erste Schicht der Wertschöpfungskette vor und suchen sich die Bereiche heraus, welche sich am einfachsten abbilden lassen.

Woran machen Sie diese Entwicklung fest?
Im E-Commerce-Geschäft gehören Bezahlsysteme fest zum Repertoire der grossen Branchenvertreter – sei es Amazon Cash, WeChat oder Alipay. Mittlerweile gehen die Fintech-Bemühungen des Sektors allerdings über solche Payment-Lösungen hinaus. Amazon beispielsweise bietet Finanzierungen an. Das US-Unternehmen hilft auf diese Weise den auf seiner Plattform aktiven Händlern dabei, ein Warenlager aufzubauen. Beim chinesischen Internetgiganten Alibaba können die Nutzer neben Konsumartikeln heute auch beispielsweise Anlagefonds kaufen. Viele Banken haben die aus der aktuellen Entwicklung resultierende Gefährdung noch nicht erkannt.

Die klassischen Geldhäuser können mit einem teils über Jahrhunderte aufgebauten Kundenvertrauen dagegenhalten...
Das ist ein wichtiger Punkt. In Europa spielt das Vertrauen bei der Geldanlage noch eine zentrale Rolle. Hier können vor allem die Schweizer Banken punkten. Das Vertrauen wiederum ist eng mit dem Thema Sicherheit verbunden. Da die Banken Milliarden in den Bereich Cyber Security investieren, können sich ihre Kunden auch diesbezüglich auf sie verlassen. Das ist für die traditionellen Institute zwar ein riesiger Vorteil, allerdings keine Garantie für die Zukunft. Dafür kommen zu viele Herausforderungen auf die Banken zu.

Wie sollten die Schweizer Banken darauf reagieren?
Gerade in den oberen Managementebenen denken viele Institute noch analog, anstatt in der Sprache des Internets – was dazu führen würde, die digitalen Herausforderungen anzunehmen. Hier braucht es nicht weniger als eine echte Veränderung in der Denkweise. Die Verantwortlichen müssen die Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als riesige Chance begreifen. Das fängt damit an, die grossen Technologiekonzerne als spannende Mitbewerber zu betrachten und nicht die von ihnen ausgehende Gefahr in den Vordergrund zu rücken. Sobald die Manager das verstanden haben, werden sie ihre Bank anders führen. Letzten Endes verlangt die Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle aufzubauen und die entsprechenden Budgets freizugeben. Banking muss einfacher, transparenter und mehr sexy werden. Mit den bestehenden Konzepten werden nicht alle Häuser überleben können.

Sie klingen nicht sonderlich optimistisch...
Ich spreche von der Realität. Ich sehe bei vielen Schweizer Banken einfach fehlende Anreize, den Paradigmenwechsel einzuläuten. Noch sind die Unternehmen viel zu sehr auf ihre Quartalsergebnisse ausgerichtet und der Leistungsansporn bei Mitarbeitern wird falsch gemessen und entlohnt. Vielfach versuchen sie schlicht, die Gebühren hoch zu halten und die Kosten zu drücken, anstatt neue, innovative Angebote zu schaffen. Nehmen Sie beispielsweise die Börsentransaktionen. Eigentlich ist es in der Schweiz viel zu teuer, mit Aktien zu handeln. Die Grenzkosten gehen durch die Digitalisierung gegen null. Noch fehlt der Mut, die nötigen Stellschrauben anzupacken. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass einige Schweizer Banken es hinbekommen und die richtigen Antworten auf die Digitalisierung finden werden. Dazu braucht es offenbar noch mehr Druck von Seiten der Kunden sowie der Fintech-Konkurrenz. Vor dem Sektor steht eine lange Reise, die meines Erachtens auch eine starke Konsolidierung mit sich bringen wird.

Für Druck sorgen auch die Start-ups. Wo steht die Schweiz bei den Fintech-Neugründungen?
Natürlich gibt es Länder, die weiter sind, beispielsweise Singapur, Israel oder Grossbritannien. Vor allem im B2C-Bereich, also bei Lösungen, die sich direkt an den Endkunden richten, haben wir relativ wenig zu bieten. Deutlich besser sieht es bei den Angeboten für Geschäftskunden aus. Im B2B-Segment kommen aus der Schweiz sehr interessante Geschäftsideen. Das gilt vor allem für den Bereich Crypto Finance. Bei allem, was mit Blockchain und Kryptowährungen zu tun hat, ist die Schweiz top. Im Fintech-Bereich allgemein sehe ich uns im Mittelfeld. Hier haben wir noch Nachholbedarf.

Was braucht es für eine Aufholjagd?
Die Banken müssen in ihrer Denkweise das »Ego-System« durch ein »Eco-System« ersetzen. Sie sind auf starke Fintechs angewiesen und sollten sich ihnen getreu dem Motto »Better together« noch stärker öffnen, Stichwort Open Banking. Gleichzeitig braucht es noch mehr Verständnis und Unterstützung von Seiten der Politik. Ich würde mir wünschen, dass die Attraktivität der Start-up-Landschaft in der Schweiz noch mehr gestärkt wird. Das kann beispielsweise über Steuererleichterungen, sei es für Investoren oder Gründer, oder Arbeitsvisa der Fall sein. Wir sind nicht in der EU und haben dadurch im Ringen um die besten Talente einen Nachteil. Gleichzeitig sitzt den heimischen Fintechs mit Google ein riesiger Konkurrent vor der Nase. Wie Sie wissen, betreibt das Internetunternehmen in der Schweiz den grössten Entwicklungsstandort ausserhalb der USA.

Gibt es auch Beispiele, wo die Schweiz auf dem richtigen Weg ist?
Natürlich. Vor allem im B2B-Segment sind viele Fintech-Lösungen im Einsatz, ohne die gewisse Bankdienstleistungen gar nicht mehr offeriert werden könnten. Ein gutes Beispiel ist Contovista. Dieses Start-up ist im Bereich der Datenanalyse aktiv. Die Produkte machen es für eine Bank unter anderem möglich, den Kunden – seien es Konsumenten oder Unternehmen – individuelle Finanzassistenten anzubieten. Diese Fintech-Lösung ist bei zahlreichen Banken im Einsatz.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Andreas Stocker.