Analysen
ABB versus Siemens: Duell zweier Industriechampions
ABB und Siemens stehen beide für die neue industrielle Zeitenwende: Elektrifizierung, Automatisierung, Rechenzentren und industrielle Software. Doch an der Börse haben sich die Wege zuletzt deutlich getrennt. ABB glänzt mit Fokus, Margenstärke und Kursdynamik, Siemens mit Breite, Softwarefantasie und günstigerer Bewertung. Für Anleger stellt sich damit eine spannende Frage: Welche Aktie liefert die attraktivere Börsenstory?
Roland Busch und Morten Wierod sind zwei Namen, die in Europas Industriewelt aufhorchen lassen. Auf der einen Seite steht der deutsche Physiker Busch, der seit 2021 bei Siemens das Zepter schwingt und den Münchner Konzern konsequent in Richtung Software, Daten und industrielle künstliche Intelligenz schiebt. Auf der anderen Seite steht Wierod, seit August 2024 an der Spitze von ABB mit Master-Abschluss in Elektrotechnik und einer Karriere, die ihn seit 1998 durch zentrale Bereiche des Konzerns geführt hat. Während Busch als Architekt einer industriellen Plattform auftritt, geht der Niederländer wie ein Ingenieur eines fokussierten Präzisionsunternehmens zu Werke. Beide führen Unternehmen, die an identischen Trends in der Weltwirtschaft hängen: Elektrifizierung, Automatisierung, Dekarbonisierung, Rechenzentren, Industrie-Software.
Artverwandte
ABB und Siemens sind aber keine Zwillinge, sondern eher nahe Verwandte mit etwas unterschiedlichen Charakteren. Beide liefern Technik, ohne die moderne Fabriken, Netze, Gebäude und Infrastrukturen nicht funktionieren. Beide profitieren davon, dass Strom intelligenter verteilt, Anlagen effizienter gesteuert und Prozesse digital überwacht werden müssen. Doch Siemens ist das grössere, breiter diversifizierte Technologiehaus mit einem deutlich höheren Software-Ambitionsniveau und starken Positionen in Mobilität und Infrastruktur. ABB ist dagegen näher am elektrischen Herzschlag der Industrie und inzwischen strategisch stärker auf Elektrifizierung und Automation ausgerichtet.
Die Überschneidungen sind gross, aber nicht überall gleich tief. ABB bündelt sein Geschäft offiziell in den Bereichen Electrification, Motion, Process Automation sowie Robotics & Discrete Automation. Hinter diesen Etiketten steht ein Konzern, der Stromverteilung, Antriebe, Motoren, Steuerungstechnik, Mess- und Analytik-Lösungen sowie Robotik und Fabrikautomation verkauft. Besonders stark ist ABB dort, wo physische Industriehardware, Energieeffizienz und operative Zuverlässigkeit zählen. Das gilt beispielsweise für Mittel- und Niederspannung, bei Motoren und Drives, in prozessnaher Automation sowie bei maritimen und industriellen Anwendungen. Dass die Nachfrage hoch ist, zeigt ein Blick ins Orderbuch: Im Startquartal 2026 zogen die Auftragseingänge um 24 Prozent an, im zweiten Vierteljahr gar um 28 Prozent auf einen neuen Rekordwert. Daraus errechnet sich ein positives Book-to-bill-Ratio von 1,27 (siehe Grafik 1).
Bei Siemens hingegen gliedert sich das Kerngeschäft in Digital Industries, Smart Infrastructure und Mobility, hinzu kommt das separat geführte Healthineers-Geschäft. Digital Industries ist der Kern für Fabrikautomatisierung, industrielle Software, digitale Zwillinge und Industrial AI. Smart Infrastructure verbindet Gebäude, Netze und Elektrifizierung. Mobility bringt ein Geschäft in den Vergleich der beiden Industriekonzerne, das ABB in dieser Form nicht hat: Züge, Signaltechnik, Bahninfrastruktur und die zugehörige Software. Dieser Aufbau zeigt: Siemens ist stärker Plattform- und Softwarehaus, ABB stärker fokussierter Technologieausrüster. Oder anders ausgedrückt: Wo eine Fabrik einen Schaltschrank, einen Motor oder prozessnahe Automatisierung braucht, sehen sich ABB und Siemens oft in derselben Ausschreibung gegenüber. Wo es aber um Engineering-Software, Digital Twin, Industrie-KI, Gebäudebetrieb, Netzmanagement und Bahninfrastruktur geht, ist Siemens strukturell breiter aufgestellt. In den beiden Segmenten Digital Industries und Smart Infrastructure sieht Siemens deutliches Wachstum, diese Bereiche sollen in diesem Jahr um bis zu 10 Prozent wachsen – und das im Konzernvergleich mit überdurchschnittlicher Profitabilität. Die operative Marge soll bis zu 19 Prozent erreichen. Die Auftragseingänge haben zuletzt deutlich angezogen, bei Digital Industries um 12 Prozent, bei Smart Infrastructure gar um 35 Prozent (siehe Grafik 2).
Strategien im Umbau
Dass ABB und Siemens heute dort stehen, wo sie sind, beruht auf einer vorangegangenen Umstrukturierung. Das Zürcher Technologieunternehmen ist noch immer geprägt vom Umbau des früheren Konzernchefs Björn Rosengren. Unter ihm wurde der Konzern dezentralisiert, Kosten gesenkt und etliche Portfolioteile abgetrennt, darunter die Power-Conversion-Sparte, Dodge und die Turbocharging-Tochter Accelleron, die inzwischen im SMIM gelistet ist. Das Ziel war klar: ABB sollte klarer auf die Megatrends Elektrifizierung und Automatisierung ausgerichtet werden. Wierod führt diese Linie konsequent fort. Ein einschneidender Schritt war dabei ausgerechnet eine Abkehr von einem lange gepflegten Zukunftsbild: der Robotik-Sparte. Im Oktober 2025 wurde diese für 5,4 Milliarden US-Dollar an SoftBank verkauft. Strategisch ist das von grosser Bedeutung. ABB verzichtet damit zwar auf ein spektakuläres, aber zyklischeres und margenschwächeres Geschäft und schärft sein Profil als Anbieter von Elektrifizierungs- und Automatisierungstechnik. ABB öffnet aber auch seinen Geldbeutel – und den sogar relativ weit: Bei der Vorlage der Halbjahresbilanz kündigte der Konzern an, für rund 5,5 Milliarden US-Dollar den britischen Industrieausrüster Rotork zu kaufen. Das Unternehmen ist auf die Herstellung elektrischer Stellantriebe und Systeme zur Durchflusssteuerung spezialisiert, die in der Öl-, Gas-, Chemie- und Wasserwirtschaft eingesetzt werden. Rotork erwirtschaftete in den Jahren 2022 bis 2025 ein durchschnittliches organisches Erlösplus von 8 Prozent pro Jahr.
Bei Siemens ist die Strategie fast spiegelbildlich. CEO Busch baut den Konzern nicht nur durch Verschlankung, sondern auch durch technologische Ausweitung zu einer Plattformgesellschaft um. Die Leitidee lautet: mehr Software, mehr Daten, mehr KI, mehr wiederkehrende Erlöse. Der Anteil von Software- und Digitalgeschäft am Umsatz soll langfristig auf rund ein Fünftel steigen. Zudem sollen die digitalen Umsätze bis 2030 verdoppelt werden und über drei Jahre hinweg eine Milliarde Euro in ein KI-Investitionsprogramm fliessen. Dazu passen die beiden grossen Zukäufe aus dem vergangenen Jahr Altair und Dotmatics. Erstgenannter stärkt Simulation, High Performance Computing und Datenanalyse, Dotmatics erweitert wiederum die Life-Sciences-Software. Busch hat der Strategie einen prägenden Namen gegeben: »ONE Tech Company«. Dass diese Erfolg hat, zeigte sich einmal mehr nach dem dritten Quartal 2025/2026: Siemens hob sein Ziel für den Gewinn je Aktie im Gesamtjahr auf 11,20 bis 11,50 Euro an. Hinzu kommt die Kapitalmarktseite. Um das Schild eines Mischkonzerns abzustreifen, wurden die Sparten Siemens Energy und Siemens Healthineers an die Börse gebracht und die Beteiligung deutlich reduziert. Ebenso wie Siemens Energy, an der Siemens nur noch eine Finanzbeteiligung von 10 Prozent hält, wird auch Siemens Healthineers aus dem operativen Geschäft der Mutter verschwinden. Das Ziel dahinter ist mehr Fokussierung auf Industrie, Infrastruktur und Mobilität und ein niedriger Konglomeratsabschlag. Analysten sehen diesen Schritt als Türöffner für einen Konzern, der ab 2027 transparenter, fokussierter und für den Markt leichter bewertbar werden könnte.
Zukunftstrends, die beide antreiben
Im übergeordneten Bild profitieren beide vom gleichen Megatrend: Elektrifizierung. Der Ausbau von Netzen, die Dekarbonisierung der Industrie, die zunehmende Stromnachfrage, die Modernisierung von Gebäuden und nicht zuletzt der Hunger von Rechenzentren nach Leistungselektronik schaffen für ABB wie auch für Siemens riesige Märkte. ABB monetarisiert ihn unmittelbarer über Industriehardware und Effizienztechnik, Siemens stärker als Systemanbieter mit einer zusätzlichen Softwareebene. Ein weiteres grosses Thema ist die industrielle Digitalisierung. Hier ist Siemens mit Digital Industries offensiv mit digitalen Zwillingen, Software und industrieller KI aufgestellt. ABB ist in dieser Disziplin aber ebenfalls mit intelligenter Steuerung und datenbasierter Optimierung rund um Motoren, Anlagen und Prozesse mit dabei.
Besonders spannend ist das dritte Feld: Rechenzentren und KI-Infrastruktur. ABB hat sich aufgrund der starken Nachfrage nach Elektrifizierungsprodukten für Data Center und Utilities als ein offensichtlicher Gewinner positioniert. Siemens ist ebenfalls über Smart Infrastructure, Netztechnik und Gebäudemanagement mit am Start. Die Chance ist enorm, weil KI-Rechenzentren nicht nur Chips, sondern massive Mengen an Schalttechnik, Schutztechnik, Kühlung, Lastmanagement und Netzanschluss benötigen.
Unterschiedliche Geschwindigkeiten
Ein Blick auf die vergangenen fünf Jahre zeigt ein klares Muster. Siemens hat beim Umsatz stärker zugelegt, ABB dagegen bei der Profitabilität. ABB steigerte den Umsatz von 31,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf 33,2 Milliarden US-Dollar 2025, also um gut 4 Prozent. Siemens erhöhte die Erlöse im Vergleichszeitraum dagegen von 62,2 auf 78,9 Milliarden Euro, was knapp 27 Prozent entspricht. Bei der Profitabilität dreht sich das Bild: Die operative Marge stieg bei ABB deutlich von 14,2 auf 19,0 Prozent. Siemens verbesserte sich lediglich von 13,8 auf 15,4 Prozent. Die Botschaft ist eindeutig: ABB war in der Qualität des Wachstums der Stärkere.
Kein Wunder also, dass ABB zuletzt der Liebling an der Börse war. Kurzfristig wie mittelfristig hat der heimische Bluechip Siemens klar abgehängt. Aber diese Outperformance hat ihren Preis. ABB wird auf Basis der 2028er-Schätzungen mit einem KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) von rund 27,8 bewertet, Siemens dagegen mit 19,5. Dabei traut der Analystenkonsens den Deutschen in den kommenden Jahren das stabilere Gewinnwachstum mit Raten zwischen 12 und 15 Prozent zu (siehe Grafik 3).
Auch wenn ABB mit einer hohen Profitabilität und starken Positionen in den Zukunftsmärkten Elektrifizierung und Rechenzentren überzeugt, die ambitionierte Bewertung spiegelt bereits einen grossen Teil dieser Stärken wider. Siemens erscheint dagegen günstiger. Zwar läuft das operative Geschäft derzeit nicht ganz so rund wie bei ABB, doch die Bewertung wirkt angesichts der Chancen durch Digital Industries, Smart Infrastructure und den Ausbau des Softwaregeschäfts attraktiv. Mit anderen Worten: ABB bleibt die stärkere Industriegeschichte, Siemens bietet derzeit das ausgewogenere Verhältnis von Chancen, Risiken und Bewertung. Gut möglich, dass der DAX-Titel eine Aufholjagd startet. Auf Sicht von fünf Jahren liegt die Siemens-Aktie 56 Prozentpunkte hinter ABB zurück (siehe Grafik 4).
Grafik 4: ABB versus Siemens (fünf Jahre)

Stand: 16. Juli 2026; Quelle: LSEG
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Produktidee: Produkte auf ABB und Siemens
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Stand: Juli 2026; Quelle: Société Générale
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